Die Nürnberger Weststadt im Wandel – Quelle-Areal, AEG und innerstädtisches Grün

Im Anschluss an die Führung durch die Südstadt gingen wir zunächst mit Herrn Rothfuß und Herrn Dörfler auf das ehemalige Quelle-Areal im Stadtteil Eberhardshof im Nürnberger Westen. Das bekannte Quelle-Versandhaus wurde 1927 in Fürth gegründet. Auf 250.000 m² Fläche wurden im Versandhaus in Nürnberg bis zur Insolvenz 2009 Waren für den Versand vorbereitet. Bei dem Quelle-Areal handelt es sich heute nach dem Flughafen Berlin-Tempelhof um den zweitgrößten leerstehenden Gebäudekomplex in Deutschland. Bereits auf dem Weg dorthin fielen die vielen Einrichtungen auf, die für kreativen Projekte genutzt werden. Weite Teile des Gebietes sind jedoch nach wie vor wirtschaftlich ungenutzt. Auch die bekannte Elektrogerätemarke AEG unterhielt hier früher eine große Produktionsstätte. 1978 waren hier noch 5.300 Arbeiter*innen beschäftigt (vgl. Amt für Kultur und Freizeit KUF Nürnberg 2021).

Früher handelte es sich bei dem Viertel um ein typisches Arbeiterquartier, das an das Industriegelände von AEG und Quelle angeschlossen war. Wohnen und Arbeiten sollten räumlich möglichst nahe beieinander liegen.

Aktuell befindet sich das Gebiet inmitten eines gesellschaftlichen Wandels. Nachdem AEG nach einer etwa bereits zehn Jahre dauernden Krise 2007 die Türen endgültig schloss und Quelle 2009 Insolvenz anmeldete, werden die Gebäudekomplexe bis heute als Übergangslösung vor allem von der Kunst- und Kreativbranche genutzt. So wurde beispielsweise in dem ehemaligen AEG Gebäude die kulturelle Einrichtung „Kulturwerkstatt auf AEG“ im Jahr 2016 eröffnet. Diese sollte zur Aufwertung des Gebäudes dienen (vgl. Amt für Kultur und Freizeit KUF Nürnberg 2021). Sobald jedoch Investor*innen die profitable Chance sehen, das Gebiet für die Schaffung von teurem Wohnraum neu zu nutzen, werden die günstigen Künstlerateliers weichen müssen. Diese Entwicklung hat bereits begonnen. Im Jahr 2022 soll Baubeginn für große Wohnanlagen sein.

Das Quelle- und AEG-Areal sind also gute Beispiele für den städtischen Wandel der letzten 20 Jahre. Sie stehen beispielhaft für die Entwicklung einer reinen Arbeitersiedlung samt Industrieanlagen über die Zwischennutzung in Form der Kreativbranche bis zum Abriss und Neubau von möglichst teurem und somit profitablem Wohnraum.

Nach der Einführung in die Geschichte des Areals erwartete uns Alexandra Schwab, eine selbstständige Stadtplanerin, die für das Quartiersmanagement Nürnberg arbeitet. Bei ihrer Führung durch die Weststadt ging es vor allem um das Thema innerstädtisches Grün. So erzählte sie uns zunächst, dass es beispielsweise das Programm „Soziale Stadt“ gibt, in dem alle Aspekte des sozialen Lebens gleich relevant sind. So fanden und finden aufgrund der oben beschriebenen Prozesse vor allem in der Umgebung des ehemaligen Quelle-Areals aktuell sehr große strukturelle Umbrüche statt. Wohlhabende Menschen ziehen zu. Diese Gruppe hat besonderes Interesse an städtischer Infrastruktur, wie beispielsweise an einem umfangreichen Angebot an ÖPNV oder besonders gestalteten städtischen Grün- und Erlebnisflächen.  In der Süd- und Weststadt fehlen nach wie vor etwa 29 Hektar an Grünfläche. Viele Familien verfügen hier weder über Garten noch Balkon.

Wir schauten uns daher einige der bestehenden Grünflächen und Parks an und beurteilten diese. Zunächst führte uns Frau Schwab in den neuen Quelle-Park, der im Sommer 2020 eröffnet wurde und unter Einfluss von großer Bürgerbeteiligung auf einem ehemaligen Busparkplatz entstand. Teil dieses Parks ist ein Obstbaumgarten, der von den Anwohnern gepflegt werden soll, sowie Spielbereiche für verschiedene Altersklassen und eine große Liegewiese. Was uns allerdings negativ auffiel, war, dass der Park nicht wirklich grün war. Große Flächen bestanden aus Schotterbelag. Das begründete Frau Schwab mit der Tatsache, dass Rasen sehr schnell kaputt geht und der Park so auch gut für Veranstaltungen genutzt werden könne.

Als nächstes zogen wir in den DATEV-Park, ein ruhiger Park, der an den DATEV IT-Campus anschließt. Diesen empfanden wir zwar als grün, jedoch als wenig kommunikativ, da es nur auffallend lange Bänke gab, jedoch keine Tische. Hürden in Hinblick auf eine spontane Nutzung der Anlage stellte unserer Meinung nach auch der Umstand dar, dass es beispielsweise ein großes Boden-Schachfeld gab, man die großen Spielfiguren jedoch erst umständlich ausleihen musste.

Im DATEV-Park berichtete Frau Schwab auch von dem Projekt „Hochbeete in den Höfen“, in das neben dem Quartiersmanagement auch Stadtteilkoordinator*innen aus der sozialen Arbeit eingebunden waren. Dieses Projekt stieß jedoch schon manchmal an seine Grenzen, weil sich die Konzeption der Hochbeete mit den Ordnungs-Vorstellungen der Wohnraum-Eigentümer*innen nicht vereinbaren ließen.

Anschließend begaben wir uns auf den Vorplatz der Kirche Sankt-Anton, der momentan noch nicht begrünt und in vernachlässigtem Zustand ist. Hier entstehen bereits kreative Pläne für eine Aufwertung des Platzes.

Zuletzt gingen wir noch auf den Veit-Stoß-Platz. Dieser von Hügeln zum Spielen durchzogene Platz war mit vielen Bäumen bepflanzt und auf den ersten Blick sehr grün. Jedoch kann man sagen, dass er stark übernutzt war, denn die Rasenfläche war an vielen Stellen zerstört.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Förderung von innerstädtischen Grünbereichen, welche im Kontext des Klimawandels sicher immer bedeutender werden, in der Umsetzung ein ebenso heikles wie anspruchsvolles Thema ist. In dieser Gemengelage aus unmittelbar betroffenen Anwohner*innen sowie rechtlichen und gesellschaftspolitischen Gegebenheiten treffen viele Interessen und unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Dabei den funktionstüchtigen Kompromiss zu finden, erscheint bereits als kaum lösbares Vorhaben.

Amt für Kultur und Freizeit KUF Nürnberg (2021): Die Geschichte des AEG-Geländes bis zur Entwicklung der Kulturwerkstatt Auf AEG. In: nuernberg.de. https://www.nuernberg.de/internet/kuf_kultur/kulturwerkstatt_entstehungsgeschichte.html, 10.10.2021