Qualitative Forschung zur äthiopischen Community in Nürnberg: Leib, Heimat-Räume und die Fiktion einer äthiopischen Diaspora

Ausgangspunkt unserer Mini-Forschung war die Frage, wie wird Heimat von Menschen in der Diaspora – in diesem Fall Äthiopier*innen -, die durch das Verlassen ihres „Ursprungslands“ einen Bruch ihres Selbst- und Zugehörigkeitsverhältnisses erfahren, neu ausgerichtet und im Alltag gelebt? Wir gehen davon aus, dass eine Vorstellung darüber, wie und wo sich ein Mensch heimisch fühlt, eine Grundkondition menschlichen Lebens ist und in alltäglichen Praxen hergestellt wird. Dieses bestimmte Gefühl der Zugehörigkeit zu Orten oder Menschen, welches sich hinter dem Wort Heimat verbirgt, ist selbstredend auch in diasporischen Gemeinschaften von zentraler Bedeutung. Aus diesen theoretischen Überlegungen und Vorannahmen ergab sich für unsere qualitative Forschung zweierlei: Erstens, dass Heimat keine bloße ideologische Rahmung eines konstruierten, starren Verwurzeltseins an einem partikularen Ort ist, sondern erst über einen lebensweltlichen Zugang sichtbar wird, in dem sich den Materialitäten, Bräuchen und Praxen der Menschen im Alltag gewidmet wird. Heimat muss, um persönlich, existenziell von Bedeutung zu sein,  in der Praxis er- und gelebt werden. Es kann nicht nur eine gemeinschaftlich geteilte Vorstellung sein. Daraus folgend ergibt sich zweitens: Das Heimischwerden funktioniert nicht auf bloßem abstrakten, kognitiven Weg. Es muss notwendigerweise der gesamte Leib – sprich die Gesamtheit der menschlichen Sinneswahrnehmungen – involviert sein. Hierbei stützen wir uns theoretisch auf das Leib-Konzept des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty (vgl. Günzel & Windgätter: 2005). Für Merleau-Ponty ist der Leib unser Zugang zur Welt, ein Vermittlungsglied zwischen Geist und Körper, Subjekt und Objekt. Heißt: Leib ist mehr als Körper. Es ist der Ort aus und in dem der Mensch lebt und mittels dessen er Sinn herstellt – sei es über das Visuelle, das sinnliche Erfahren von Atmosphären oder die gustatorische Verarbeitung über die Zunge. All dies zeichnet der Leib wie ein Seismograf auf und lässt Sinn – oder eben Heimat – erlebbar werden. Inspiriert von diesem theoretischen Konzept haben wir dies empirisch nachzuverfolgen versucht, durch die Fokussierung auf Praktiken der Heimat-Herstellung und Identifizierung von Heimat Räumen in der äthiopischen Diaspora in Nürnberg.

Methoden

Aufgrund der fehlenden einschlägigen Forschungsliteratur zu unserem Thema und der Form der Exkursion, war eine eigene Datenerhebung essentiell. Der empirische Zugang erfolgte dabei über unterschiedliche Methoden, die im folgenden kurz skizziert werden. Im Zentrum standen dabei qualitative, nicht-standardisierte Interviews, semi-strukturierte Experteninterviews und die teilnehmende Beobachtung. Die erste Interviewform, welche sich einem interpretativ-verstehenden Forschungsansatz zuordnen lässt, wurde gewählt, weil es einerseits nur um eine kleine Anzahl an durchgeführten Interviews ging und diese andererseits die Intention verfolgten die Interviewten möglichst frei und offen erzählen zu lassen. Außerdem ermöglichte diese Interviewform das größtmögliche Maß an Spontaneität, Natürlichkeit und Offenheit, wodurch viele teils unerwartete Antworten und Ausführungen entstanden. Im Gegensatz zur ersten Interviewform, welche ausschließlich physisch im Forschungsfeld selbst situiert war, wurde das semistrukturierte Experteninterview dazu genutzt, um spezifisches und exklusives Wissen zu generieren. Wie der Name schon vermuten lässt, besteht ein solches Interview zum einen aus vorformulierten Fragen und zum anderen aus spontanen Nachfragen, die sich erst aus den Antworten des Experten ergaben. Das Interview wurde im gemeinsamen Einverständnis der Forschenden und des Experten aufgezeichnet, um bestimmte Passagen im Nachhinein genauer analysieren zu können. Zuzüglich zu diesen Methoden, wurden während der Hauptexkursion sowie im Vorfeld bereits teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Diese bestanden aus mehreren Besuchen eines äthiopischen Restaurants, welches einen beliebten Treffpunkt der äthiopischen Diaspora darstellt, sowie dem Besuch eines äthiopischen Shengo-Treffens. Bei diesen teilnehmenden Beobachtungen, kam es selbstverständlich auch häufig zu Interaktionen wie zum Beispiel informellen Gesprächen. Ein großer Vorteil dieser Forschungsmethode ist, dass die Forschenden hier nicht direkt ersichtlich in ihrer eigentlichen Rolle auftraten. Dadurch behielten die Begegnungen größtenteils ihren natürlichen, informellen Charakter. Abgesehen von dieser themenspezifischen Empirie, half auch der restliche Teil der Hauptexkursion dabei, die verschiedenen Quartiere der Stadt Nürnberg kennenzulernen und so das Umfeld, in dem sich die Mitglieder*innen der äthiopischen Diaspora tagtäglich bewegen, besser kennenzulernen.

Die äthiopische Dispora in Deutschland und das Vorschungsvorhaben

Die äthiopische Diaspora in Deutschland besteht aus 16.000 Personen, wobei davon knapp 11.000 äthiopische Staatsbürger*innen sind und 5.000 deutsche Staatsbürger*innen mit einem Migrationshintergrund aus Äthiopien (vgl. GIZ: 2015). Angesiedelt sind die diasporischen Gemeinschaften zu großen Teilen in den deutschen Zentren, wie Frankfurt, München oder Köln. Die äthiopische Diaspora in Nürnberg mit etwa 2.000 Angehörigen (vgl. Amt für Stadtforschung und Statistik für Nürnberg und Fürth: 2021) macht einen nicht unbeträchtlichen Teil der deutschlandweiten Community aus.

Der erste Schritt in unserer Forschung war es zunächst einen Überblick zu gewinnen. Dazu führten wir ein Akteursmapping in Nürnberg durch, in dem wir alle äthiopischen oder thematisch relevanten Akteure aufgelistet haben und jene kontaktierten, die besonders interessant für unser Forschungsvorhaben waren. Dabei bestätigte sich das Bild, dass die äthiopische Diaspora in Nürnberg breit aufgestellt ist und eine Vielzahl an Organisationen, Vereinen, Restaurants und Begegnungsstätten, wie beispielsweise pentekostale oder äthiopisch-orthodoxe Gemeinden, vorzuweisen hat. Aus unseren Kontaktanfragen ergaben sich drei persönliche Gespräche mit Mitglieder*innen der äthiopischen Diaspora oder Vertreter*innen von Organisationen innerhalb dieser. Darunter waren Vertreter des äthiopischen Kulturvereins Nürnberg e.V. und des Hawelti e.V. und der Inhaberin eines äthiopischen Restaurants. Wir entschieden uns im Vorfeld diese Gespräche in einem nicht formellen – also ohne uns an einen vorformulierten Fragenkatalog zu halten – Format zu führen, da wir dieses Vorgehen für unsere Thematik als geeigneter ansahen.Ergänzt wurden die Erkenntnisse aus den Gesprächen durch anschließende Recherchen und verschriftlichte Beobachtungen aus Besuchen im äthiopischen Restaurant und einem Shengo[1]-Event des äthiopischen Kulturvereins Nürnberg.

Ergebnis

Schon der Einstieg in das Feld, der Besuch des äthiopischen Restaurants „Abessinia“ in der Südstadt Nürnbergs, vermittelte das Potenzial von Räumlichkeit und Leiblichkeit für die Konstruktion von Heimat oder eines Surrogates dieser in (äthiopisch-)diasporischen Kontexten. In den Räumlichkeiten einer alten Eckkneipe, von der nur noch Teile der Inneneinrichtung und ein alter, sich außer Betrieb befindlicher Zapfhahn zeugen, werden seit zehn Jahren äthiopische Speisen und Getränke serviert. Optisch fällt direkt ein großes Tableau ins Auge, auf welchem eine Äthiopierin im Zentrum umgeben von äthiopischen Wahrzeichen wie dem Obelisken von Axum und der Reiterstatue König Menelik II. dargestellt ist. Die Atmosphäre des sonst recht schlicht gestalteten Restaurants ergibt sich jedoch vor allem aus der über einen Fernseher abgespielten und von Videos begleiteten äthiopischen Populärmusik und dem Geruch des Essens auf den Tellern der Gäste und aus der Küche. Besucht wird das Restaurant hauptsächlich von Äthiopier*innen von denen die meisten in Bekanntschaft mit der Besitzerin zu stehen und sich auch teilweise untereinander zu kennen scheinen. Unterhalten wird sich vor allem auf Amharisch.

Im Abessinia ließen sich ebenjene Aspekte beobachten, die nach dem interviewten Experten Prof. Dr. Abel Ugba auch in dem Kontext religiöser Stätten der Begegnung Teil des Prozesses der Konstruktion von Heimat in der Fremde sind: Essen, Sprache und Bekleidung. Für diese Aspekte ist gerade die Sinneswahrnehmung von zentraler Bedeutung. Der Geruch und Geschmack des Essens, die gesprochene Sprache, die zusammen mit der Musik die auditive Atmosphäre des Raumes prägen, sowie in deren Begleitung die Ästhetik von Musikvideos, die Dekorationen und die Kleidung der Besucher*innen schaffen eine Atmosphäre ähnlich jener, wie sie in Äthiopien zu finden ist. So kann Heimat als leibliche Assoziation mit Sinneswahrnehmungen aus der Vergangenheit oder Erzählungen der Eltern in der „Fremde“ hergestellt werden.

Neben Restaurants ließen sich aus den Gesprächen mit Akteuren der Diaspora auch religiöse Einrichtungen wie unter anderem die Heilige Dreifaltigkeit Gemeinde, eine äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Nürnberg und verschiedene Einzelevents wie Kaffeezeremonien und Partys mit äthiopischem DJ als weitere Räume „äthiopischer Leiblichkeit“ in Nürnberg identifizieren.

Ein Vertreter des Äthiopischen Kulturvereins Nürnberg, zeigte im Gespräch mit ihm auf, dass die Verbundenheit zu der äthiopischen Heimat und damit verbundenen Praktiken und Materialitäten zwischen den Generationen divergiert. Während die erste Generation von Deutsch-Äthiopier*innen ihm zufolge tendenziell eng mit dieser Identität verknüpft ist, distanzieren sich die in Deutschland aufwachsenden Folgegenerationen graduell von dieser. Diese Folgegenerationen wachsen nicht wie die meisten Deutsch-Äthiopier*innen der ersten Generation ohne einen direkten Bezug zu „äthiopischer Leiblichkeit“ auf, sondern erfahren diese durch die geschaffenen Surrogate in Deutschland. Über den Einfluss dessen auf die Wahrnehmung dieser Generationen von Heimat Generationen lässt sich hier nur mutmaßen, da eine direkte Quelle aus dieser Perspektive fehlt. Nichtsdestotrotz eröffnen die Ausführung des Vertreters des Äthiopischen Kulturvereins den Blick auf eine interessante Fragestellung: Welche Rolle spielt die direkte Erfahrung gewisser Aspekte von Leiblichkeit für die Konstruktion von Identität und Heimat? Können in der Fremde gelebte Materialitäten und Praktiken diese Identitäten und Vorstellungen von Heimat in gleicher Weise erhalten?

Ugba lässt hier mit seinem Framing dieser Konstruktionen von Leiblichkeiten in der Fremde als „qualified homes“ erahnen, dass es hier Divergenzen gibt. Eingeschränkt durch gesellschaftliche Normen der Gesellschaften, in welcher diese konstruiert werden und auch Feinheiten, wie der hier als bildliches Beispiel aufgeführte alte Zapfhahn im Abessinia, verdeutlichen, dass keineswegs eine pure „äthiopische Leiblichkeit“ konstruiert wird, sondern eher ein Hybrid mit Aspekten aus Deutschland und Äthiopien.

Die Gespräche mit verschiedenen Akteuren der äthiopischen Diaspora verdeutlichten ebenfalls, dass sich neben der (Re-)Konstruktion äthiopischer Leiblichkeiten auch Diskurse und Konflikte aus der äthiopischen Gesellschaft in der äthiopischen Gemeinschaft in Deutschland wiederfinden. So zeigt der Krieg in Äthiopien auch Wirkung auf das Handeln der Akteure der äthiopischen Diaspora in Nürnberg. Als der Hawelti e.V., der zu Teilen mit äthiopischer und deutscher Beteiligung Projekte in Äthiopien fördert, einem Vertreter des Hawelti e.V. zufolge der Stadt Nürnberg vorschlug eine Partnerschaft mit der Stadt Axum in Tigray im Norden Äthiopiens einzugehen, stellte sich der Äthiopische Kulturverein Nürnberg e.V. dagegen. Heuer begründet dies in der Dominanz anti-tigrinischer Stimmen in dem Verein, während der Gesprächspartner des Äthiopischen Kulturvereins die politische Neutralität seines Vereins beteuerte. Dieser ergänzte, dass politisierende Elemente besonders in den religiösen Einrichtungen der äthiopischen Diaspora Nürnbergs zu finden seien. Sicherlich hat jeder dieser Akteure eine eigene Agenda und daher soll der Vorgang hier keineswegs bewertet werden. Dieser zeigt jedoch auf, dass die äthiopische Diaspora in Nürnberg mitnichten als homogene Gemeinschaft zu betrachten ist und dass neben einer gemeinsamen äthiopischen Identität auch unterschiedliche regionale und ethnische Identitäten eine Rolle spielen.

Sowohl die Komplexität der Akteurslage der äthiopischen Diaspora als auch jene der Bedeutung von Leiblichkeit für die Konstruktion von Heimat durch Diasporen ließen durch den Rahmen der Forschung nur einen Einblick in die Tiefe der Thematik zu. Doch dieser Einblick offenbarte das Potential dieser Forschungsthematik. Sowohl Beobachtungen als auch die Gespräche mit den Akteuren der äthiopischen Diaspora in Nürnberg zeigen auf, dass Leiblichkeit von besonderer Bedeutung für die Konstruktion einer äthiopischen Identität und einer damit verbundenen Empfindung von Heimat ist. Diese betonen jedoch auch die Notwendigkeit der Differenzierung von Akteuren, Identitäten und folglich auch dem hochkomplexen Konstrukt der Heimat.

 

Literatur 

Amt für Stadtforschung und Statistik für Nürnberg und Fürth (2021) Nürnberg in Zahlen.https://www.nuernberg.de/imperia/md/statistik/dokumente/veroeffentlichungen/berichte/niz/nuernberg_in_zahlen_2021.pdf (24.09.2021).

GIZ (2015) Ethiopian Diaspora in Germany – Commitment to social and economic development in Ethiopia. https://diaspora2030.de/fileadmin/files/Service/Publikationen/Studien_zu_Diaspora-Aktivitaeten_in_Deutschland/giz-2015-en-diasporastudy-ethiopia.pdf (24.09.2021).

Günzel, Stephan; Windgätter, Christof (2005): Leib/Raum: Das Unbewusste bei Maurice Merleau-Ponty. na.

Klose, Joachim (2013): Heimatschichten. In: Klose, Joachim (Hg.): Heimatschichten. Anthropolgische  Grundlegungen eines Weltverhältnisses. Wiesbaden: Springer VS, S.19-44.

[1] Shengo ist eine traditionelle äthiopische Methode, um als Gruppe ein Problem oder Anliegen offen zu diskutieren und zu einem konsensualen Ergebnis zu kommen. Ein Shengo wird klassischerweise in einem Kreis aus Hockern unter einem großen Baum abgehalten. Wir haben zwecks Forschung ein Shengo in einem Nürnberger Stadtpark besucht, welches von einer äthiopischen Kaffeezeremonie belgeitet wurde.