Stadtquartier-Tour Langwasser (Nürnberg, Südstadt)

Herr Dörfler, Sozial- und Stadtgeograph an der Universität Heidelberg, und ein Vertreter der Wohnungsbaugenossenschaft (WBG Nürnberg) empfingen uns für eine Quartierstour in Langwasser, dem jüngsten und heute für seine Multikulturalität bekannten Stadtteil Nürnbergs. Während der Tour erkundeten wir einige der must see places, was uns auf eines der höchsten Gebäude Langwassers, an verschiedenen Bauprojekten und an den, an unterschiedlichen Ecken Langwassers in Auftrag gegebenen murals vorbeiführte. Herr Dörfler und der Vertreter der WBG Nürnberg begleiteten dies durch kurze Inputs. Der Fokus lag dabei vornehmlich auf Quartiersentwicklung und den baulichen Vorhaben und weniger auf der diasporischen Communities, die am Rande thematisiert wurden.

Langwasser – ein Stadtquartier in ständigem Wandel

Die Entstehungsgeschichte Langwassers reicht bis in die Weimarer Zeit zurück. Zunächst war das heutige Langwasser ein Gefechtsschiessplatzareal, mit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten wurde das Gelände unter anderem für Reichsparteitagsveranstaltungen, als Manövergelände und für Kriegsspiele vor Zuschauern genutzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs siedelten sich vorwiegend Vertriebene (Schlesien, Sudetenland) aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs an. Die heutige Multikulturalität der 35.000 Einwohner*innen lässt sich primär hierauf zurück führen.

Ab 1950 begann eine geplante Quartierentwicklung des Stadtteils, die über die Jahrzehnte unterschiedliche, sich an den Stadtentwicklungs-Paradigmen der jeweiligen Zeit orientierenden Phasen durch machte und bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Aufgrund stetig steigender Bevölkerungszahlen wird Platz für Wohnraum nicht nur rarer, sondern auch wertvoller und umkämpfter. In den letzten Jahren wurden daher neben Instandhaltungsmaßnahmen der bestehenden Gebäude, neue Baugebiete geschaffen und Nachverdichtung betrieben. Die WBG allein ist mit 10.000 Wohnungen – im sozialverträglichen Mietsegment – vertreten. Neben den Neubauprojekten stellen leerstehende Gebäude und ungenutzte Flächen die Gemeinde Langwasser vor die größten Herausforderungen: Wie umgehen mit dem Gebäude des ehemaligen Hallenbads (Langwasserbad) oder dem riesigen Gelände, der nun leerstehenden Quelle-Katalog Großdruckerei? Die urbane, deutschlandweite Industrietransformation, mit der die Schließung einiger Unternehmen oder Produktionsstätten einherging, hat auch Langwasser massiv geschwächt. Kompensiert werden konnte diese Lücke nicht, wie das in anderen deutschen Stadteilen erfolgte , durch das Anwerben von Kunst und Kultur oder der Schaffung einer Nachökonomie in Form von Clubs, Bars oder anderen Aus-geh-Orten. Langwasser hat diesbezüglich nur ein sehr beschränktes Angebot zu bieten und ist folglich ein Stadtteil in dem primär gewohnt wird.

Die kurze Tour zeigte anhand Langwassers exemplarisch auf, welche Herausforderungen deutsche Stadteile nach dem industriellen Strukturwandel und der steigenden Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum zu bewältigen haben. In Langwasser scheint – so unser Eindruck nach der Tour – einiges in Bewegung und Planung zu sein, was bauliche Vorhaben, Instandhaltungsmaßnahmen und der Pflege von bereits Gebautem. Wie sich das Komplementärstück für eine gute Quartierentwicklung – der Mensch, mit seinem Bedürfnis nach Kultur und Lebensqualität- entwickelt, bleibt noch abzuwarten und wird eine zukünftige Herausforderung für die gestaltenden Akteur*innen des noch jungen Stadtteil sein.