Der Raum Southwest: Ein Konstrukt

Der Southwest der USA grenzt im Süden an den Staat Mexiko. Lange Zeit gehörten große Gebiete des heutigen nordamerikanischen Southwest noch zu Mexiko.Damals wurden nach kriegerischen Auseinandersetzungen Verträge geschlossen, die es den USA ermöglichten, große Teile des ursprünglich mexikanischen Staatsgebietes zu okkupieren. Der heutige Southwest umfasst also große Teile des ehemaligen Territoriums von Mexiko. Unter diesen Voraussetzungen liegt es auf der Hand, dass die Sichtweise auf den Southwest differiert, je nachdem, ob die nördliche (Ziehe West Expansion) oder die südliche Perspektive eingenommen wird.

 

Der „Southwest“ aus Südperspektive 

 

Das Video zeigt die Meinung über den „Southwest“ aus der Perspektive von vier mexikanischen Personen. Unter anderem erläutern diese welche Bedeutung sie dem „Southwest“ der Vereinigten Staaten zuschreiben.

 

Die Bedeutung aus einer mexikanischen Perspektive

Im Folgenden soll der Southwest aus der südlichen bzw. hier vor allem aus mexikanischer Perspektive betrachtet werden, denn „jede Forschungsperspektive hat […] spezifische Sehschärfen, aber auch tote Winkel“ (WERLEN in BLOTEVOGEL et al. 2000: 498). Wir beschäftigen uns also mit einem Raum, dem je nach Betrachtungsweise unterschiedliche kulturelle Bedeutungen zugeschrieben werden können. Wichtig ist außerdem zu bedenken, dass sich die kulturelle Bedeutungszuweisung eines Raums über die Zeit ändern kann. Dies bedeutet, dass die aktuelle kulturelle Inszenierung erst seit geraumer Zeit eine Rolle spielt.

Abb. 1: Die Welt aus Südperspektive

Den Raum Southwest aus Südperspektive zu analysieren bedeutet, die Entwicklung basierend auf historischen Ereignissen zu untersuchen und die Beziehung zu territorial definierten Nachbarstaaten kritisch zu hinterfragen. Womöglich sähe die Definition und folglich auch die heutige Inszenierung anders aus, hätte der globale Norden historisch eine weniger bedeutsame Rolle gespielt. Allein die Tatsache, dass der hispanisch sehr geprägte Raum Southwest aufgrund seiner englischsprachigen Bezeichnung geographisch (als Himmelsrichtung) in den USA verortet ist, unterstreicht die amerikanische Dominanz und den Imperialismus. Somit sind nicht nur die Kultur und Bevölkerung, sondern auch die von uns in dieser Arbeit verwendete und allseits bekannte Bezeichnung Southwest amerikanisiert, da sie sich territorial auf das Staatsgebiet der heutigen Vereinigten Staaten bezieht.

In der Literatur ist vermehrt von „el Norte“ bzw. von „el Norte de Nueva España“ die Rede: „so there was no ‚Southwest‘ in Spanish colonial times“, „Mexicans still refer to the tier of northern [Mexican] states as ‚El Norte,‘ although a vast part of the former colonial territory has now become part of the United States by conquest and purchase“ (BARNES, NAYLOR & POLZER in BYRKIT 1992: 268). Übersetzt bedeutet el Norte Norden. Irreführend ist jedoch, dass der Begriff heutzutage hauptsächlich für die nördlichen Bundesstaaten des heutigen Mexiko, nicht jedoch für die damalige Grenze angewandt wird.

Eine klare Definition des von uns betrachteten Raums ist, auch aufgrund seiner historisch so vielfältigen Entwicklung, schier unmöglich. Grenzen lassen sich ebenso nur schwer ziehen, da hier zu viele verschiedene Strukturen, Populationen und Meinungen aufeinandertreffen.

Abb. 7: Veränderung der Grenze (Thpanorama)

Der Southwest, der als Raum historisch vielfach geprägt ist, hat kulturell einen großen Bedeutungswandel erfahren. BYRKIT erkennt: „Whether ’southwesterner‘ or ’norteño,‘ whether North American or Mexican, the region possesses distinct cultural features that lend meaning to the designation ‚Southwest‘ or ‚El Norte’“. Ebenso fügt er an: „The meaning connotes more than a compass direction from earlier colonial centers. Final descriptive definition has not yet been given“ (1992: 268). Seiner Meinung nach gebe es also weder aus Süd- noch aus Nordperspektive eine finale Betrachtung, welche Regionen und Orte in diesen Begriff miteingeschlossen werden, denn die imaginären Grenzen einer Region ändern sich mit der Zeit und dem Menschen, der sie betrachtet.

„It is, quite simply, both a place and a state of mind, never the same place to two people at the same time and often not the same place in any one person’s mind at different times“ (BYRKIT 1992: 258).

Eine andere Perspektive ergibt sich, wenn man versucht, den Southwest kulturell und emotional zu begreifen. „The ‚Southwest‘ is a term more easily felt and understood than defined“ (MAJOR & PEARCE 1972 in BYRKIT 1992: 258). Aufgrund unterschiedlicher Einflüsse wird der Southwest je nach Perspektive unterschiedlich betrachtet. „Perhaps it would be more apt to refer to a plurality of Southwests rather than a single entity“ (PADGET 2006: 397).

Geschichte des Southwest aus Südperspektive

Die Ursprünge der Geschichte des Southwest lassen sich ungefähr im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts verorten, als sich erste Entdecker und Siedler in der Region aufhielten (vgl. BYRKIT 1992: 331). BYRKIT spricht davon, dass der spanische Entdecker Cabeza de Vaca 1538 erstmals nordmexikanischen Boden betrat (vgl. 1992: 331). Ein Jahr später wurde eine Exkursion in den Norden organisiert, die vom franziskanischen Priester Fray Marcos de Niza durchgeführt wurde. 1540 geschah die Coronado-Exkursion, eine der bedeutendsten Exkursionen in der Geschichte des Southwest, die vom Vizekönig höchstpersönlich organisiert wurde (vgl. DOUGLASS & GRAVES 2017: 3). Zwei Jahre lang folgte der Spanier Don Francisco Vásquez de Coronado zunächst der Route von de Niza, bewegte sich dann jedoch auch noch weiter in Richtung Norden und Osten (vgl. BYRKIT 1992: 332).

Abb. 4: Exkursionen von Fray Marcos de Niza und  Don Francisco Vásquez de Coronado

Die nächstgrößere Exkursion wurde erst 1582-1583 von Antonio de Espejo bestritten, der sich entlang des Río del Norte bewegte und ebenso nach Gold suchte (SHERIDAN 2012: 38). Nach einigen unautorisierten, illegalen Kolonialisierungsabsichten führte die Expedition des Vizekönig Don Juan de Oñate 1595 letztlich zur Etablierung spanischer Kolonien im nördlichen New Mexico. Selbiger ernannte sich daraufhin zum Gouverneur von Northern New Spain (vgl. BYRKIT 1992: 332-333). Unter Oñates Schutz führten franziskanische Priester zahlreiche Missionierungen durch, die später auch bis nach Texas und Alta California reichten (vgl. SHERIDAN 1992: 162).

Abb. 5: Exkursion von Antonio de Espejo

 

Bereits 1600 hatten die Spanier den Großteil der indigenen Bevölkerung ausfindig gemacht (vgl. SHERIDAN 2012: 38-39). Sowohl wegen der Missionierungen als auch wegen der Ausbeutung indianischer Arbeitskraft in Minen, rebellierten die Betroffenen mehrfach zwischen 1601 und 1618 (vgl. SHERIDAN 1992: 158). 1680 stellte für die indigene Bevölkerung eines der wichtigsten Jahre im Kampf gegen die Unterdrückung dar: „the Pueblo Revolt forced Spanish colonists and missionaries out of New Mexico“ (DOUGLASS & GRAVES 2017: 22). Erst 23 Jahre später kehrten spanische Kolonialisten und Missionare zurück und re-etablierten die Kolonie New Mexico (vgl. DOUGLASS & GRAVES 2017: 22).

Ab 1760 machte sich eine vermehrte Militärpräsenz und -erweiterung bemerkbar, die vor allem auf die Verteidigung von Minen und auf weitere Missionierungen zurückzuführen ist (vgl. SHERIDAN 1992: 164). Im Zuge der Bourbon Reform im Jahre 1776 bestimmte der spanische König Carlos III. die provincias internas im Norden als spanisches Herrschaftsgebiet, anstatt es dem Vizekönig in Mexiko zuzusprechen.

1821 endete eine erfolgreiche Revolution gegen die Spanier mit der Unabhängigkeit Mexikos (vgl. BYRKIT 1992: 333). Der in den 1820ern entstehende War of Thousand Deserts trieb das junge Mexiko regelrecht in den Ruin und löste einen Bürgerkrieg aus, der nahezu jede Institution, die den Spanish Frontier zusammenhielt, zerstörte, darunter auch die zuvor festgelegten provincias internas (vgl. SHERIDAN 2012: 54).

Bis 1846 hatten nur einige wenige Amerikaner – Entdecker, Soldaten oder Händler – den Southwest ausfindig gemacht (vgl. BYRKIT 1992: 337). Nach der Annexion Texas durch die US-Amerikaner 1845 verschärfte sich die Situation zwischen den Nachbarländern (vgl. SHERIDAN 2012: 59-60). Ein Jahr später erklärten die USA Mexiko den mexikanisch-amerikanischen Krieg, der zwei Jahre lang andauerte und Mexiko regelrecht in Teile riss (vgl. SHERIDAN 2012: 60). Da die Amerikaner Gottes Willen verspürten, ihr Staatsgebiet zu erweitern, ließ sich erst 1848, zwei Jahre später, im Zuge des Vertrags von Guadalupe Hidalgo ein Ende des Kriegs setzen (vgl. BYRKIT 1992: 334). Die USA okkupierten den damaligen Southwest und dominierten die spanischstämmigen Bewohner komplett (vgl. BYRKIT 1992: 338). Der Vertrag sprach den USA die Bundesstaaten Texas, Kalifornien, New-Mexiko und Nord-Arizona zu, entwendete den Mexikanern somit große Teile ihres ursprünglichen Staatsgebiets (vgl. SHERIDAN 2012: 62).

Die heutige Grenzordnung ergab sich 1854, als die USA einen Vertrag mit Mexiko unterzeichneten, der ihnen das Land südlich des Gila Rivers in New Mexico und Arizona für 10.000 Dollar zusicherte (vgl. BYRKIT 1992: 339). Die Besiedlung der Region nahm zu und das spanische Erbe verringerte sich Schritt für Schritt: „the Anglo presence has done the least to adapt to the region; instead it has forced the region to adapt to traditional Anglo purposes“ (BYRKIT 1992: 342).

 

Weiterführende Literatur:


„Mexiko: Schutzmauer oder Grenzraum?“ (Freie Universität Berlin)

„Postkoloniale Studien“ (Europäische Geschichte Online)

„¿Qué hay detrás del enojo de los estados del norte de México?“ (The Washington Post)

„How Is America Going To End?“ (Slate.com)

„Aridoamérica y la República de México del Norte: Cuando los estados norteños quieren independizarse“ (Sopitas.com)

„Provincias Internas Jacobo Ugarte Lozola“ (Contando Historias Antiguas de Militares)

„Vertrag von Guadalupe Hidalgo Hintergrund und Bedingungen“ (Thpandorama)

Volle Quellenangaben:


 

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