Südwestfrankreich 2022

Vom 15.09.2022 bis 24.09.2022 nahmen 8 Lehramtsstudierende und 2 Geographiestudierende an der großen Geländeübung „Südwestfrankreich“ bei Professor Doevenspeck teil. An den beiden Standorten „Bordeaux“ und „Arcachon“ wurden die vielfältigen Querschnittsthemen der Geographie besprochen und auch bei Expertenterminen vertieft.

Bordeaux und Arcachon im „Dèpartement Gironde“, in der Region „Nouvelle-Aquitiane“

Anders als in Deutschland ist das Schulsystem in Frankreich zentral organisiert: Das staatliche Ministerium regelt Abschlussprüfungen, Lehrpläne und alles weitere, was das Bildungswesen betrifft, bis ins kleinste Detail. Der Grund für diese Organisation ist die in Frankreich vorherrschende politisch-administrative Ordnung des Zentralismus‘. (mehr …)

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1. Einleitung

Bordeaux ist eine bedeutende Stadt in Frankreich, und wirbt mit ihrem geschichtsträchtigen Charakter. Neben einzelnen historischen Gebäuden ist eine große Fläche an der Westseite der Garonne, die etwa 40% der Stadt ausmacht, als UNESCO Weltkulturerbe gelistet. Die Entwicklung der Stadt bis 1945 soll im Folgenden dargestellt werden. Zudem soll insbesondere auf die Bedeutung der mehr als 200 Jahre andauernden englischen Herrschaft für das heutige Bordeaux eingegangen werden. Hierzu wurde vor Ort eine Miniforschung zu Art und Umfang der Repräsentation dieser Zeitperiode durchgeführt. Untersucht wurden insbesondere das Musée d’Aquitaine und die Internetauftritte der Stadt.

2. Entwicklung der Stadt

2.1. Antike und Völkerwanderungszeit

Wann genau sich ein Stamm der Bituriger namens Vivisci am Standort des heutigen Bordeaux niederließ, ist unbekannt, aber er etablierte sich dort als einem wichtigen Standort in Gallien (Julian, 1895: 11). Das damalige Bordeaux war sehr auf Handel ausgelegt, und ist „eher ein Kontor als eine Stadt“  (ebd.: 13). Um 56 v. Chr. wird das Gebiet vom Römischen Reich erobert. Der nun eingesetzte Gouverneur herrschte von Bordeaux aus über die Provinz Gallia Aquitanica, was der Stadt eine zentrale administrative Rolle gab (ebd.: 16). Unter den Römern wird die Stadt befestigt und floriert durch den Handel mit Zinn und Leder. Nach dem Fall des Römischen Reiches wird Bordeaux mehrmals erobert und geplündert, wodurch die Blütezeit des Handels vorerst ein Ende findet (Encyclopedia Britannica: Bordeaux).

2.2. Mittelalter

Mitte des 12. Jahrhunderts fällt Aquitanien mit Bordeaux unter die Herrschaft des englischen Königs Henry II. Als Teil Englands genießt die Stadt viele Privilegien, und durch den Handel mit den britischen Inseln floriert die Stadt (Encyclopedia Britannica: Bordeaux). Neben einer Stadtmauer werden auch viele Kirchen im gotischen Stil gebaut. In diese Zeit fällt auch die Errichtung eines der Wahrzeichen der Stadt, der Grosse Cloche (Abbildung 1).

Abb. 1: Die Grosse Cloche

Nach der Niederlage Englands im Hundertjährigen Krieg fällt die Stadt wieder unter die Herrschaft der französischen Krone. In Folge des nachlassenden Handels mit Wein verliert die Stadt allmählich wieder an Wohlstand und Bedeutung.

2.3. Neuzeit

Erst durch den Handel mit Rohstoffen aus der sog. Neuen Welt erlebt Bordeaux als bedeutender europäischer Umschlagplatz wieder eine wirtschaftliche Blütezeit (Hubert et al., 2018: 16). Um der Bedeutung als Fenster zum Rest der Welt gerecht zu werden, beginnen Anfang des 18. Jahrhunderts die vom König entsandten Intendanten Boucher und Tourny weitreichende Umbauten der Stadt (ebd.: 18). Im Laufe des Jahrhunderts wird die noch sehr mittelalterliche, von Befestigungsanlagen umringte Stadt in einem Rokoko, Barock und Neuklassizismus kombinierenden Stil modernisiert. Zudem wurden von den Stadtbewohnern viele eindrucksvolle Stadtvillen in der Stadt und den Vororten gebaut. Die mittelalterliche Stadtmauer wird an mehreren Stellen eingerissen, um Platz für Stadttore wie das Porte D’Aquitaine oder das Porte de Bourgogne zu machen. So wurde auch die Errichtung von langen, geraden Straßen ermöglicht. (ebd.: 26)

Der wirtschaftliche Aufschwung und die intensive Bebauung führten zu einer zunehmenden Verdichtung in der Stadt und dem Wachstum der Vororte (ebd.: 28). Die weitreichenden Umbauten ändern ein Drittel der Stadt radikal (ebd.: 30).

Im Zuge der Koalitionskriege und Napoleons Kontinentalsperre wird der Bordeaux-Handel stark eingeschränkt. Dafür wird Bordeaux als Transitort auf der Route nach Spanien für Napoleons iberische Kampagne wichtig. Napoleon gibt den Bau der ersten festen Brücke über die Garonne in Auftrag, die fast 150 Jahre auch die einzige blieb (https://www.bordeaux-tourism.co.uk/cultural-heritage/pont-pierre.html). Im Zuge der Industrialisierung erlebt die Stadt viele Veränderungen: u.a. wachsen die Vororte mit den markanten échoppes (ein- bis zweistöckige Haus mit Flachdach), die Hafen­anla­gen wer­den moder­nisiert, und der Bahn­hof Saint-Jean wird im Süden der Stadt gebaut (https://www.bordeaux.fr/p7034/bordeaux-industriel).

Abb. 2: Bordeaux im Jahr 1899. Hier sind auch die Prachtbauten entlang des Flusses gut zu sehen.

Von Bedeutung ist auch der U-Boot Bunker, der von den deutschen Besatzern im zweiten Weltkrieg gebaut wurde, und heute immer noch steht (www.france24.com).

3. Welchen Stellenwert die englische Herrschaftsperiode für das heutige Bordeaux?

Das Musée d’Aquitaine hat zwei Stockwerke, auf denen die Geschichte der Stadt dargestellt wird. Während der erste Stock sich mit der Neuzeit beschäftigt, behandelt das Erdgeschoss die Antike und das Mittelalter. Ein großer Teil ist dem Zeitraum der englischen Herrschaft gewidmet. Während ein paar Tafeln über die Herrschaft informieren, werden hier größtenteils Artefakte präsentiert und erklärt. Diese sind größtenteils kirchlich, und eine Verbindung zur englischen Herrschaftsperiode (außer dass sie während dieser hergestellt wurden) ist nicht direkt ersichtlich.

Auf den Webseiten der Stadt bekommt das Thema eine unterschiedliche Resonanz. Die Tourismuswebseite etwa weist nur ein paar wenige Randbemerkungen auf (www.bordeaux-tourism.co.uk). Die französische Webseite der Stadt wiederum hat mehrere Verweise auf die englische Herrschaft. Sie wird z.B. als „erstes goldenes Zeitalter“ der Stadt beschrieben, und auf verschiedenen Unterseiten des Themas Stadtgeschichte behandelt (www.bordeaux

Die Universität von Bordeaux wurde 1441, also kurz vor dem Ende der englischen Herrschaft, gegründet. Erinnert wird aber vor allem, in Form einer Statue, an den Gründervater Erzbischof Pey Berland (www.u-bordeaux.fr).

Letztlich stellt sich auch die Frage: Wie viel ist von dem Bordeaux der englischen Könige geblieben? Wie in dem geschichtlichen Überblick schon erläutert, wurde die mittelalterliche Stadt in der jungen Neuzeit großflächig abgerissen und umgebaut. Neben einigen gotischen Kirchen wie der Église Saint-Pierreist das wohl bekannteste Gebäude die Grosse Cloche. An der Spitze des Turmes ist ein goldener Löwe, das Herrschaftssymbol der Englischen Krone, zu erkennen. Das führt auch zur deutlichsten Repräsentation der englischen Herrschaft im heutigen Bordeaux: dem Wappen der Stadt (Abbildung 3). Auf ihm sind sowohl die Grosse Cloche, als auch der englische Löwe zu sehen.

Abb. 3: Wappen der Stadt Bordeaux

Fazit

Bordeaux ist eine Stadt mit einer langen Geschichte, die sehr von ihrer geographischen Lage profitiert hat. Als Verbindungspunkt zwischen dem Mittelmeer und dem Atlantik, sowie Frankreich und der iberischen Halbinsel genoss die Stadt mehrere Perioden intensiven Handels. Das bedeutete aber auch im Umkehrschluss, dass die Stadt schon immer sehr abhängig vom Handel war, und dass Ereignisse die diesen einschränkten–wie Machtwechsel oder die Napoleonischen Kriege– schnell direkte wirtschaftliche Folgen für die Stadt hatten.

Im Alltag begegnen den Einwohner*innen von Bordeaux nur wenige Bauwerke aus der englischen Zeit. Zudem wird der Zeitraum von der Stadt meist nur kurz thematisiert und nicht weiter hervorgehoben. Dafür ist die Dokumentation im Musée d’Aquitaine umso umfangreicher.

Es entsteht der Eindruck einer gewissen Indifferenz: Die prominente Position des goldenen Löwen auf dem Stadtwappen, aber auch die gleichzeitige mangelnde Thematisierung der englischen Zeit deuten darauf hin, dass die besagte Periode durchaus als Teil der Stadtgeschichte hingenommen wird, aber weder mit starken positiven oder negativen Gefühlen verbunden ist. Die englische Geschichte erhält also keine Sonderstellung in der Stadtgeschichte. Befragungen von Stadtbewohner*innen und Funktionsträger*innen bieten eine Möglichkeit für tiefergehende Erforschung der Fragestellung.

Quellen:

https://www.france24.com/en/20200609-world-s-largest-digital-arts-centre-opens-in-bordeaux-submarine-base(28.10.2022)

https://www.bordeaux.fr/p7034/bordeaux-industriel (7.11.2022)

https://www.bordeaux.fr/p80990/histoire-patrimoine-et-architecture (26.10.2022)

https://www.bordeaux-tourism.co.uk (26.10.2022)

https://www.u-bordeaux.fr/universite/nous-decouvrir/notre-histoire (26.10.2022)

Encyclopedia Britannica. Bordeaux. https://www.britannica.com/place/Bordeaux (27.10.2022)

Hubert, F. et al. (2018): Bordeaux au XVIIIe Siècle. Le Commerce Atlantique et l’esclavage. Bordeaux: Le Festin.

Jullian, C. (1895): Histoire de Bordeaux. Depuis les Origins Jusqu’en 1895.

Abbildungen:

Abbildung 1: Eigene Aufnahme

Abbildung 2: https://en.wikipedia.org/wiki/Bordeaux#/media/File:Hugo_d’Alesi,_vue_cavalière_de_Bordeaux,_1899,_Archives_de_Bordeaux_métropole.jpg (9.11.2022)

Abbildung 3: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b2/Coat_of_arms_of_Bordeaux%2C_France.svg (9.11.2022)

“[…] vom Sinnbild der Moderne zu Orten der Ausgrenzung […]” – derart plakativ beschreibt der deutsche Autor Weber die Entwicklung Frankreichs Großwohnsiedlungen ab 1945, zu denen nicht zuletzt die Siedlung “Les Aubiers” in der südwestfranzösischen Stadt Bordeaux zählt (Weber 2010: 92).

Abbildung 1: geographische Lage „Les Aubiers“ in Bordeaux (Google Maps 2022)

Für den Morgen unseres fünften Tages in Bordeaux, stand eine geführte Tour durch die besagte Großwohnsiedlung mit dem französischen Architekten und Quartiersmanager, Thibault Tatin, auf dem Programm. Mit der Tram geht es in Richtung Norden, tendenziell stadtauswärts, bis wir die weißen Wohnblocks der zweitärmsten Nachbarschaft Südwestfrankreichs erreichen. Die Bauweise erinnert zunächst an die „moderne Architektur“ nach Le Corbusier, doch deutlich in die Jahre gekommen. Die Bewohnerschaft, zumindest der Teil, den wir sehen, unterscheidet sich stark von der Mehrheit, der in den innerstädtischen Quartieren Bordeauxs lebenden Franzosen: auffällig ist die koloniale Prägung der Bewohnerschaft „Les Aubiers“. Neben Zentral- und westafrikanisch Stämmigen, lässt sich eine große Zahl an Migranten*innen aus den Maghrebstaaten erkennen. Die Minderheitenzentralität ist in diesem Teil Bordeaux äußerst präsent.

Beeindruckend der Wandel der Großwohnsiedlungen in Frankreich, zumal sie nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zuge der Wohnungsnot und dem industriellen Aufschwung Frankreichs, während der 30 glorreichen Jahre, „Les Trentes Glorieuses“, als Großprojekte gebaut wurden (Zessin 2005). Im Zuge des ökonomischen Aufschwungs, entstanden größere Migrationswellen in Frankreich. Insbesondere transnationale Migranten*innen aus ehemaligen französischen Kolonien, die sich zunehmend in den Wohnsiedlungen am Stadtrand französischer Städte niederließen. Damals galten die Großwohnsiedlungen als „modern“ und kennzeichneten sich ferner durch eine soziale Durchmischung der Bewohnerschaft, entsprechend dem Leitbild einer vereinten Gesellschaft, „une societé unie“ (Glasze et al. 2010: 460f.). Heute beobachten wir das Gegenteil, rund 3 600 Menschen leben in den rund 110 -160 m2 großen Wohnungen „Les Aubiers“. Drogen, Gewalt, Aggressionen und unangemessenes Verhalten stehen auf der Tagesordnung, und insbesondere ersteres merken sogar wir, am hellichsten Vormittag.

Begünstigt wird der Wandel der Großwohnsiedlungen, sowie die Fragmentierung der Stadt durch Prozesse wie der „Périurbanisation“, einer französischen Form der Suburbanisierung, die insbesondere auf die 1970er Jahre zu datieren ist (Glasze et al. 2010: 461f.). Aktuelle Dynamiken der Gentrifizierung in der Bordelaiser Innenstadt tragen zusätzlich zu Veränderungen der Stadt- und Randgebiete Bordeauxs bei (ebd.).

Ein bisschen kommt es uns so vor, als würden wir in „Les Aubiers“ in eine neue Welt eintauchen, in eine „Stadt in der Stadt“, eine Art Containerraum. Dieses Gefühl bekommen wir bestätigt, insbesondere als uns Thibault erzählt, dass sich bis vor geraumer Zeit ein „Checkpoint“ zwischen der (Innen-)Stadt Bordeauxs und den Wohnsiedlungen befand. Wir fragen uns wie es so weit kommen konnte, ob denn Sanierungsmaßnahmen, die der Quartiersaufwertung dienen, ein Schritt in eine bessere Zukunft der Großwohnsiedlung sein könnten und inwiefern sich „Les Aubiers“ als Containerraum manifestiert.

Thibault erklärt uns, dass es zwar eine französische Agentur für Stadterneuerung gibt, die „Agence Nationale pour la Rénovation Urbaine“. Allerdings kann diese, aufgrund diverser „Hindernisse“ keine hinreichenden Maßnahmen in die Wege leiten, obwohl sie sich stets an der französischen „politique de la ville“ orientiert. Die besagte Stadtpolitik zielt primär darauf ab, mittels Gesetze und der Kategorisierung der Stadtviertel in unterschiedliche Zonen („area-basierter Ansatz“), den sozialpolitischen Herausforderungen zu denen nicht zuletzt die Stigmatisierung, Ausgrenzung und starken Entwicklungsunterschiede der Wohnsiedlungen zählen, zu begegnen (Glasze et al. 463ff.). Eines der größten „Hindernisse“ bezüglich der Durchsetzung gezielter Maßnahmen, stellt der Besitz der Großwohnblöcke dar. Im Regelfall sind diese Eigentume großer privater Unternehmen, welche die alleinige Verfügungsbefugnis über die Gebäude, sowie eventuelle Sanierungs- und Aufwertungsmaßnahmen haben. Eine komplette Sanierung und Quartiersaufwertung wäre äußerst kostspielig, sowohl für die besagten Unternehmen als auch für die Bewohnenden der Großwohnsiedlung, welche mit einer steigenden Miete infolgedessen zu rechnen hätten. Aktuell beläuft sich der durchschnittliche Mietpreis für eine 120 m2 große Wohnung in „Les Aubiers“ auf vier Euro. Ein Preis, der offensichtlich deutlich unter dem Bordelaiser Mietspiegel liegt. Der innerstädtische Wohnungsmarkt in Bordeaux ist eng, und die Mietpreise hoch. Nicht nur Familien und Einpersonenhaushalte, sondern auch Studierende stehen häufig vor einer großen Herausforderung, eine angemessene Unterkunft in Bordeaux zu finden. Der Zuzug von Studierenden in die Großwohnsiedlungen, wie beispielsweise „Les Aubiers“ scheint ein plausibler Weg zu sein, das Gesicht und den Charakter des Quartiers zu verändern. Günstige Mieten, einen See in unmittelbarer Nähe und nur ein paar Stationen mit der Tram bis zum Stadtzentrum Bordeauxs, klingt für Studierende erst einmal nicht unpassend. Auf Nachfrage wird uns allerdings erklärt, dass die Vorstellung, einer Art „Gentrifizierung“ „Les Aubiers“ durch Studierende stets eine Utopie bleiben wird. Voraussetzung hierfür wäre mitunter eine bauliche Sanierung der Wohnungen, wie das bereits in Teilen des „Gran Parc“, einer weiteren Großwohnsiedlung Bordeauxs durchgeführt wurde. Gleichwohl zeigt uns das Beispiel „Gran Parc“, dass Sanierungen und Aufwertungsmaßnahmen neben positiven Effekten einerseits, negative Folgen, darunter Verdrängung und sozialräumliche Segregation, andererseits, mit sich bringen. Darüber hinaus legt uns Thibault dar, dass viele Bordelaiser die Gegend tendenziell meiden und sich bewusst von den Wohnblocks distanzieren. Es sei damit zu rechnen, dass viele Eltern ihren studierenden Kindern nicht erlauben würden, in eine günstige Wohnung der „Les Aubiers“ einzuziehen. Dennoch kann in Erwägung gezogen werden, ein Studentenwohnheim in der Nähe der „Les Aubiers“ zu bauen. Auf diese Weise schafft man auf größerem räumlichem Maßstab eine verstärkte sozialräumliche Durchmischung. Dennoch bliebe die Großwohnsiedlung stigmatisiert, isoliert und auf kleinräumigeren Maßstab sozialräumlich homogen.

Immer wieder wird uns bewusst, wie der Raum „Großwohnsiedlung“ stetig von unterschiedlichen Akteuren und Seiten „reproduziert“ wird. Primär diskursiv, insbesondere durch verbale Diskriminierung und der Wahrnehmung der Stadtviertel als „Angsträume“. Jedoch lässt sich auch eine materielle Reproduktion, durch den Bau homogener großer Wohnblöcke und der Lage stadtauswärts, erkennen. Zuletzt ist auf die Reproduktion des imaginierten Raumes durch die Bewohnerschaft selbst hinzuweisen. Abgesehen von den Herkunftsländern und der Kettenmigration, lässt sich in den Großwohnsiedlungen, wie auch in „Les Aubiers“ eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Arbeitslosen, sowie Geringverdienenden vorfinden. Das Beispiel „Les Aubiers“ führt uns die ungleiche räumliche Verteilung der Armut und des Lebensstandards in Bordeaux auf eine besondere Weise vor Augen, die urbane Ungleichheit ist hier besonders präsent.

Trotz einiger Bemühungen und vereinzelter Maßnahmen angesichts der Quartiersaufwertung und Modernisierung der Großwohnsiedlungen, stellen wir ernüchternd fest, dass „Les Aubiers“, sowie weitere Großwohnsiedlungen eine der größten französischen stadt- und sozialpolitischen Herausforderung der Gegenwart und Zukunft sind. Schlussendlich lässt uns der Eindruck eines französischen Ortes der Ausgrenzung, wie Weber 2010 die Großwohnsiedlungen beschreibt, leider nicht los.

      Abbildung 2: Die französische Großwohnsiedlung „Les Aubiers“ in Bordeaux                       (eigene Aufnahmen 2022)

Quellen:

GLASZE, G., WEBER, F. (2010): Drei Jahrzehnte area-basierte Stadtpolitik in Frankreich: die politique de la ville. Raumforschung und Raumordnung, Volume 68, S. 459-470.

ZESSIN, P. (2005): „Les trentes glorieuses“ – Wirtschaftlicher Boom, Fortschrittsoptimismus und gesellschaftlicher Aufbruch 1950-1975. In: hu-berlin.de – Humboldt Universität zu Berlin.de. Online abrufbar unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=817&view=pdf&pn=tagungsberichte&type=tagungsberichte. Zuletzt abgerufen am 07.07.2022.

Verfasserin: Julia Schindler

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