Legenden

Wird heutzutage der Begriff der Legende zur Sprache gebracht, assoziieren die meisten Personen damit in erster Linie möglicherweise erfolgreiche Sportler oder prominente Schauspieler. Im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts hingegen wurde dieser Status unter anderem berühmten Cowboys, Native Americans oder Revolverhelden zugeschrieben, wie beispielweise Pancho Villa, Geronimo und Wyatt Earp.

Die Legende ist stark an den Begriff des Heldentums gebunden, und demnach auch an verschiedene Erzählungsformen und Begrifflichkeiten wie Mythen, Balladen und epische Erzählungen. Sie grenzt sich hier ab, da sie sich auf einen historischen Kern bezieht (vgl. TANGHERLINI 1990: 378). Die Legende romantisiert die zugrunde liegende Geschichte in einem hohen Maße (vgl. BRADDY 1937: 339). Bei der Auseinandersetzung mit der Legendenbildung ist es wichtig, sich mit Medien und mit verschiedenen Formen der Darstellung der ausgewählten Persönlichkeiten zu beschäftigen, da sie eine große Rolle in der menschlichen Wahrnehmung und Realitätsgestaltung spielen (vgl. THORNHAM et al. 2009: 105). Mediale Realität porträtiert beispielsweise wie heldenhaftes Verhalten aussieht. Oft teilt sie Charaktere in die Kategorien „gut“ und „böse“ ein, und stereotypisiert und vereinfacht deren Darstellungen (vgl. SONNICHSEN 1975: 106f). Wie sich im Folgenden erkennen lässt, geschieht dies ebenso bei medialen Erzählungen zu realen Persönlichkeiten, wodurch es oft auch zu einer Beeinflussung der Wahrnehmung der Person kommt.

Pancho Villa (1878-1923)

Francisco „Pancho“ Villa erlangte als mexikanischer Revolutionsführer Bekanntheit (siehe Südperspektive). Im Alter von 16 Jahren geriet er in eine lebensverändernde Auseinandersetzung, über die unterschiedliche Versionen existieren. Die gängigste ist, dass sein Meister seine Schwester vergewaltigte und Villa ihn daraufhin erschoss. Infolgedessen floh er in die Berge von Durango (vgl. KATZ 1998: 2f), wo er Anführer einer Bande wurde (vgl. BRADDY 1952: 94). Im Jahre 1910 bot er seine Dienste in der Mexikanischen Revolution an, wurde zum General und zur zentralen Figur des Umsturzes (vgl. BRADDY 1952: 97). Die USA unterstützten den Umsturz in Mexiko, und somit auch Villa. Allerdings akzeptierten sie 1915 Villas politischen Gegner, Venustiano Carranzas, als Präsidenten woraufhin Villa einen Guerillakrieg gegen die Regierung Carranzas führte und militärisch gegen die USA vorging.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Einzigartigkeit der Legende um Pancho Villa ist in erster Linie ihrer Entstehung geschuldet: In den ersten Jahren seiner Bekanntheit wurden die Geschichten größtenteils durch traditionelle Methoden, wie die mündliche Weitergabe seiner Taten, überliefert. Die Erzählungen unterlagen jedoch zumeist Übertreibungen, die sich steigerten, je öfter sie weitergegeben wurden (vgl. BRANDT 1964: 146). In amerikanischen Zeitschriften wurde Villa anfangs als Retter des mexikanischen Volkes glorifiziert, jedoch vollzog sich nach der Anerkennung Carranzas ein Imagewandel hin zum Banditen (vgl. BRANDT 1964: 152f). Die ambivalente Wahrnehmung Villas im Zeitverlauf wird bei Betrachtung der Titel chronologischer Berichte ersichtlich: „Villa’s Victories. Our debt to Villa. (…) Mexican Savagery. (…) The chase after the Elusive Villa“ (ebd. 153). Generell waren jedoch in Magazinen beide Extrema hinsichtlich der Wahrnehmung Pancho Villas vertreten. The Nation beispielsweise bewunderte ihn und distanzierte sich klar von brutalen Darstellungen. Im Gegensatz dazu charakterisierten Zeitschriften wie Fortnightly Review Villa als einen kaltblütigen Verbrecher, der die Gefolgschaft seiner Männer nur durch das Verbreiten von Angst aufrechterhalten konnte. Durch diese Gegensätze konnte die Legende um Francisco Villa umso mehr verstärkt werden (vgl. ebd.: 153f). Das Zitat von KATZ fasst die facettenreiche Darstellung und Wahrnehmung Villas treffend zusammen: „There are legends of Villa the Robin Hood, Villa the Napoleon of Mexico, Villa the ruthless killer, Villa the womanizer, and Villa as the only foreigner who has attacked the mainland of the United States since the war of 1812 and gotten away with it” (KATZ 1998: XIII).

Geronimo (1829-1909)

Geronimo war Teil der Stammesgruppe Bendonkohe der Chiricahua Apachen (vgl. UTLEY 2012: 6), welche im Südwesten der USA lebten. Er war kein Häuptling, wie oft fälschlicherweise dargestellt, sondern ein Medizinmann und Kriegsführer (vgl. UTLEY 2012: 1, 6; vgl. SHERIDAN 2012: 102). Der von ihm angeführte Widerstand gegen die Besetzung seines Landes, hielt eine lange Zeit an, weshalb er zu einem der bekanntesten Ureinwohner Nordamerikas wurde. Seine endgültige Kapitulation bedeutete das symbolische Ende der Apachenkriege (vgl. CLEMENTS 2013: 9). Den Rest seines Lebens verbrachte Geronimo als Kriegsgefangener in verschiedenen Reservaten.

Als Kriegsgefangener wurde Geronimo zu einer Attraktion und war Teil mehrerer Vorführungen, wie beispielsweise einer Ausstellung von Buffalo Bill Cody im Jahre 1901 (vgl. WELCH 2011: 345). Hier posierte der Ureinwohner für Fotos, verkaufte Kunsthandwerk und spielte Kämpfe zwischen Soldaten und Native Americans nach (vgl. UTLEY 2012: 256). Er und andere Native Americans wurden dabei als grausam und gleichzeitig den Weißen unterlegen dargestellt. Für viele Zuschauer war dies die erste Gelegenheit, Native Americans zu sehen und es ist davon auszugehen, dass die Vorführungen ihre Wahrnehmung stark beeinflussten.

Besonders Groschenromane definierten langfristig die Darstellung von Native Americans. Viele der ersten Erzählungen über die Apachenkriege stammen von US-Militärangehörigen (vgl. CLEMENTS 2013: 5). Diese sahen in Geronimo den großen Gegner und hatten demnach eine negative Sicht auf ihn, respektierten aber auch sein Geschick als Kriegsanführer. Historiker unterstützten diese negative Ansicht und beschrieben ihn beispielsweise als gerissen und blutrünstig oder auch als mutig, dreist und grausam (vgl. SONNICHSEN 1986: 10).

Native Americans hatten generell wenig Kontrolle darüber, wie sie in den Medien dargestellt wurden. Geronimos 1906 erschienene Autobiografie „Geronimo: His Own Story“ war die erste, die den Apachenkrieg aus der Sicht der Native Americans erzählte und spielte deshalb für spätere Autoren, welche ihn danach als menschlicher darstellten, eine große Rolle. Die Autobiographie machte aus Geronimo einen Vorbildcharakter, wodurch sich die Wahrnehmung Geronimos in der weißen Bevölkerung besserte (vgl. SONNICHSEN 1986: 25).

Wyatt Earp (1848-1929)

Wyatt Earp wurde als Gesetzeshüter der Stadt Tombstone, Arizona, berühmt. Ausschlaggebend war der legendäre Schusswechsel am 26. Oktober 1881, in welchem er zusammen mit seinen zwei Brüdern und Doc Holliday am O.K. Corral mehreren Cowboys gegenübertrat (vgl. LUBET 2004: 3).Drei Cowboys starben während des Gefechts, lediglich Wyatt blieb unversehrt, welches eine große Rolle bei seiner Legendenbildung spielte. Im Nachspiel des Gefechts folgten juristische Konsequenzen für Wyatt Earp. Spätestens im Mordprozess wurde deutlich, wie stark Wyatt und die Wahrnehmung seiner Persönlichkeit polarisierte: Für die Seite der Anklage stellte er einen skrupellosen Mörder dar, während er für die Verteidigung einen Helden repräsentierte, der sein Leben im Kampf für Recht und Ordnung riskierte (vgl. LUBET 2005: 52).

Die enorme Fehlerhaftigkeit einiger Presseberichte über Wyatt veranlassten ihn dazu, die Veröffentlichung seiner Geschichte vor seinem Tod voranzutreiben (vgl. BOYER 1976: 217ff). Er erfuhr zuerst sowohl durch die Filmindustrie als auch von Seiten der Buchbranche Ablehnung (vgl. HUTTON 1995: 6f), bis er schließlich Stuart Lake traf, welcher seine Dienste als Ghostwriter anbot. Die vollendete Biografie „Wyatt Earp: Frontier Marshal“ (1931) wurde letztendlich von der Leserschaft als absolute Wahrheit aufgefasst (vgl. HUTTON 1995: 6ff), wodurch Wyatt Earp zur Legende des Gesetzeshüters wurde, welcher sich gegen die Korruption wendete und den Wilden Westen bezwang (vgl. ebd.: 5).

 

Im Jahre 1946, ein Jahr nach Ende des  Zweiten Weltkrieges, erschien der Film „My Darling Clementine“. John Ford wollte als Filmemacher das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in sich selbst und ihre Geschichte wiederherstellen. Aus diesem Grund bediente er sich des Westerns – ein Genre, dass sich aufgrund seines geschichtlichen Hintergrunds stark mit der nationalen Identität der USA verbinden lässt – und drehte in Hollywood einen Film über einen Helden. Er wählte hierfür den Charakter des Wyatt Earp, da dieser für ihn eine lebende Legende darstellte, die maßgeblich an der Zivilisierung der Frontier beteiligt gewesen war. Der Film gilt heutzutage, trotz einiger falscher Darstellungen, als klassisches Beispiel des Westernfilms (vgl. CORKIN 2004: 4). Durch diese und darauffolgende Darstellungen wurde Wyatt Earp zu einem Helden des amerikanischen Films, der das Idealbild amerikanischer Männlichkeit vertrat.

Pancho Villa, Geronimo und Wyatt Earp bestätigen alle drei, dass die Darstellung einer Legende eng mit dem Einfluss unterschiedlicher Medienformate verbunden ist, die sich einerseits in ihrer Reichweite und andererseits in ihrer Wirkungsstärke unterscheiden. Infolge ihrer weitreichenden Bekanntheit werden allen drei Charakteren symbolische Bedeutungen zugeschrieben, die deren Wirken zu Lebzeiten übersteigen.

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