Grenze: Einflüsse und Auswirkungen der Grenzsituation im Gebiet des Southwest der USA

Grenzen können durch eine materielle Beschaffenheit gekennzeichnet sein, aber auch durch bestehende Vorstellungen und Meinungen. Mehrheitlich wird der Begriff der Grenze jedoch durch rechtliche und politische Rahmenbedingungen definiert. In diesem Verständnis werden durch Grenzen Staatsgebiete voneinander abgetrennt (vgl. TAYLOR 2011: 130). Sowohl materiell bestehende als auch geografisch festgelegte Trennlinien können das Territorium von Staaten begrenzen. So kann es sein, dass Grenzlinien gezogen werden, obwohl eine eindeutige Abgrenzung nicht als möglich erscheint. Dies betrifft beispielsweise soziokulturelle Faktoren.

Die Grenzlinie zwischen Mexiko und den USA zeichnet sich durch eine Länge von über 3000 Kilometer aus. Aus geographischer Sicht repräsentiert diese Linie eine Vielzahl an Faktoren. Einerseits kann ein politischer beziehungsweise rechtlicher Charakter festgehalten werden. Auf dieser Ebene kann von einer Abgrenzung der Nationalstaaten und einer Ungleichheit gesprochen werden. Ebenfalls lässt sich eine hohe Rate an Bewegungen materieller sowie personenbezogener Ausprägung verzeichnen. Andererseits kann im Grenzgebiet eine dynamische und vielfältige Kultur beobachtet werden. Dieser Raum lässt sich im Sinne einer Borderzone nicht unmittelbar einem einzelnen Nationalstaat zuordnen (siehe Südperspektive). Kulturelle Faktoren sowie Lebensweisen vermischen sich und die Grenze scheint zu verschwimmen. Aus vorherigen Betrachtungen kristallisiert sich heraus, dass sich der Charakter der Sichtweisen auf der einen Seite deutlich unterscheidet und auf der anderen Seite bedingender Art zu sein scheint. Dieser Sachverhalt lässt sich in den allgemeinen Kontext einer internationalen Grenze einordnen (vgl. TAYLOR 2010: 299f.).

Einerseits lässt sich eine gewisse Durchlässigkeit der Grenze sowohl von der US-amerikanischen als auch von der mexikanischen Seite feststellen. Dies steht mit einer wechselseitigen Abhängigkeit der Staaten auf verschiedenen Ebenen in Verbindung und zeichnet sich durch dynamische Grenzbewegungen aus(siehe Migration). Andererseits lassen sich jedoch diverse Aspekte verzeichnen, die einen Konfliktherd zwischen der Industrienation und dem Schwellenland charakterisieren. Dies kann auf die Dynamik der Grenzsituation hinsichtlich materiellen, aber auch personenbezogenen Kriterien zurückgeführt werden.

Eine Besonderheit lässt sich im Grenzgebiet des Southwest feststellen. Die Beschaffenheit der Zone zeichnet sich durch die Sonora-Wüste, die sich im südlichen Bereich des US-amerikanischen Bundesstaates Arizona und im nördlichen Bereich des mexikanischen Bundesstaates Sonora befindet, aus. Aufgrund dessen lässt sich vor allem an der Grenze in diesem Gebiet eine hohe Intensität an illegalen Strömen verzeichnen (vgl. TAYLOR 2010: 305ff.). Auf der mexikanischen Seite lassen sich dynamische Migrationsbewegungen feststellen. Die Beschaffenheit der Wüste, vor allem die Dimension und klimatische Bedingungen, stellt eine Beschränkung für eine vollständige Überwachung der Grenze dar. Dies führt zu einer hohen Rate an illegalen Grenzüberquerungen und infolgedessen zu Auswirkungen auf die Sicherheitslage. Des Weiteren weisen Migrationsströme einen symbolischen Charakter auf. Einerseits intensivieren sie das Faktum einer Grenze zwischen den Staaten. Andererseits bewirkt eine gewisse Durchlässigkeit, dass die Grenze im Verständnis einer eindeutigen Abgrenzung nicht gänzlich zutreffen kann (vgl. TAYLOR 2007: 383f.).

Abb. 1: CBP Southwest Border Total Apprehensions / Inadmissibles (U.S. DEPARTMENT OF HOME-LAND SECURITY 2020)

Entlang der Grenze zwischen Mexiko und den USA liegt eine Konzentration der Bevölkerung in sogenannten „pares binacionales de ciudades adyacentes“ (ALEGRÍA 2000: 89) vor. Hierunter wird verstanden, dass sich in der Grenzregion mehrheitlich Einwohner in Grenzstädten, die jeweils ein Gegenstück auf der anderen Seite der Grenze aufweisen, ansiedeln. In diesem Kontext kann auch von Twin Cities oder grenzüberschreitenden Metropolen gesprochen werden. Jedoch sollte berücksichtigt werden, dass diese Städte trotz geografischer Nähe unterschiedliche Charakteristika aufweisen, sich deshalb abgrenzen und nicht gänzlich zu einer Stadt zusammengefasst werden können. Andererseits bestehen auch eine Abhängigkeit und wechselseitige Beeinflussung. Vor allem an den Grenzstädten kristallisieren sich Auswirkungen des Zusammentreffens eines Schwellenlandes und einer Industrienation heraus. Aufgrund einer Vielzahl an Migranten in mexikanischen Grenzstädten lassen sich tendenziell steigende Bevölkerungszahlen feststellen. Des Weiteren kristallisiert sich heraus, dass das wirtschaftliche Fortschrittsniveau der mexikanischen Grenzstädte das anderer Städte des Landes übersteigt. Ausländische Direktinvestitionen scheinen aufgrund von Standortvorteilen vor allem in mexikanischen Grenzstädten attraktiv zu sein. Dies kann positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung der Grenzregion beitragen (vgl. ebd.: 89ff.).

Die Grenze des Southwest ist für das Grundverständnis des amerikanischen Staates von besonderer Bedeutung. Vor allem mit der Frontier Thesis von Frederick Jackson Turner lässt sich diese Wichtigkeit erklären. Demnach ist vor allem die stetig westwärts schreitende Bewegung und damit auch die Einnahme der westlich liegenden Landteile ein wichtiger Aspekt für die Entwicklung des amerikanischen Charakters. Mit dieser voranschreitenden Landnahme kam es auch zu einer ständig neuen Auseinandersetzung mit der jeweiligen Grenzlinie und bezeichnet diese „als »meeting point between savagery and civilization« (TURNER, 1956)“ (MAUSBACH 2017: 8).

Somit erlangt auch die Grenze, also die Frontier, ihre Bedeutung, die sie auch heute noch besitzt. Dadurch ist die amerikanisch-mexikanische Grenze nach wie vor von großer Wichtigkeit für Amerika.

Abb. 2: Grenzstädte entlang der Grenze zwischen Mexiko und den USA (AFP o. J.)

Ciudad Juárez (Mexiko) – El Paso (USA)


An den Twin Cities Ciudad Juárez im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua und El Paso im US-amerikanischen Bundesstaat Texas, wird der verbindende, aber auch trennende Charakter von Grenzstädten an der Grenze zwischen Mexiko und den USA deutlich. Die Städte werden durch den Fluss Rio Grande, der zusätzlich die physisch-materielle Trennlinie verstärkt, voneinander getrennt.

Einerseits zeichnet sich die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez durch eine Dichte an Industrieunternehmen aus. Dort werden Beschäftigte unter geringen Löhnen und mangelhaften Arbeitsbedingungen angestellt. Unter diesem Stichpunkt lassen sich die sogenannten Maquiladoras erwähnen, die entscheidend für eine industrielle Entwicklung des Grenzgebietes um Ciudad Juárez sind. Aus einer anderen Perspektive lassen sich positive Aspekte in dem Sinne verzeichnen, dass sich in Ciudad Juárez weltweit bekannte Industrieunternehmen ansiedeln. Aufgrund dessen gibt es landesübergreifende Migrationsströme nach Ciudad Juárez. (vgl. ebd.: 11f.). Eine Divergenz besteht darin, dass sich Ciudad Juárez durch eine hohe Anzahl an Migranten im Arbeitssektor und El Paso sich durch ein hochqualifiziertes Management auszeichnet. Jedoch lassen sich diverse Netzwerke von Unternehmen in Ciudad Juárez und El Paso vorfinden. Auf diese Weise können grenzüberschreitende wirtschaftliche Verbindungen intensiviert und Grenzbarrieren abgebaut werden (vgl. MARTIN 2020: 108ff.).

Zwischen Grenzstädten finden grenzüberschreitende Bewegungen statt. Von mexikanischer Seite ausgehend lässt sich eine Arbeitsmigration feststellen. Aufgrund geringer Entlohnung und mangelhafter Arbeitsbedingungen in Mexiko streben Mexikaner eine Anstellung in den USA an. Dies geschieht häufig auf illegale Weise, das heißt ohne Arbeitserlaubnis. Jedoch lassen sich auch von der US-amerikanischen Seite ausgehend diverse Ströme, vor allem aufgrund finanzieller Motive, beobachten. Hierunter fällt eine Inanspruchnahme diverser Produkte und Dienstleistungen in Mexiko, wodurch Ersparnisse erzielt werden können. Beispielsweise profitiert der Gesundheitssektor Mexikos hiervon. US-Amerikaner erwerben in Mexiko kostengünstige Medikamente und medizinische Leistungen, wie Zahnbehandlungen. Dies lässt sich durch das Krankenversicherungssystem der USA erklären, da hierdurch häufig nicht die Kosten für Zahnbehandlungen abgedeckt werden und deshalb hohe Ausgaben verursacht werden. Aufgrund vielseitiger Bewegungen an der Grenze zwischen Mexiko und den USA entstehen kulturelle Übergänge und Vermischungen (vgl. ebd.: 106).

Ein entscheidender Gesichtspunkt, in dem sich die Grenzstädte Ciudad Juárez und El Paso unterscheiden, ist die Sicherheitslage. Während El Paso als eine der sichersten Städte der USA gilt, zeichnet sich Ciudad Juárez durch eine hohe Kriminalitätsrate aus. Die hohe Kriminalitätsrate lässt sich zum einen durch Auseinandersetzungen und Machtkämpfe zwischen Drogenkartellen erklären. Zum anderen können aber auch Korruption und infolgedessen negative Auswirkungen auf das politische und rechtliche System Mexikos als Ursachen für die kritische Lage in Ciudad Juárez angeführt werden. (vgl. ebd.: 103ff.).

Vor allem für Grenzstädte in Mexiko stellt die weltweite Pandemie COVID-19 eine Herausforderung dar. Eine Ursache hierfür liegt in der Grenzschließung zu den USA. Dies zieht unter anderem wirtschaftliche Auswirkungen nach sich. Twin Cities wie Ciudad Juárez und El Paso lassen sich durch eine Verbindung und Abhängigkeit charakterisieren. Eine eindeutige Trennung lässt sich nicht vornehmen. Jedoch verändert das Coronavirus die Sachlage. Die Schließung der Grenzen hat eine klare und größtenteils nicht überquerbare Trennlinie zur Folge.

Das Leben im Grenzgebiet zeichnet sich durch eine soziokulturelle Verflechtung aus. Grenzüberschreitender Verkehr aufgrund einer Anstellung im jeweilig anderen Land sowie Familienbesuche werden eingeschränkt. Des Weiteren wird eine Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen im Nachbarland verhindert. Dies kann als problematisch erachtet werden, da Teile der Bevölkerung aufgrund finanzieller Hintergründe aber auch fehlender Kapazitäten im Gesundheitssystem hierauf angewiesen sind.

 

Ambos Nogales


Ein weiteres Beispiel der Twin Cities ist Ambos Nogales – spanisch für beide Nogales. Sie teilen sich in Nogales im US-amerikanischen Bundesstaat Arizona und Nogales, auch Heroica Nogales, im mexikanischen Bundesstaat Sonora und werden durch einen Zaun, bzw. eine Stahlmauer voneinander getrennt.

Nogales, Arizona ist dabei das exklusive Tor für internationalen zwischenstaatlichen Service, sowie Luft- und Zugverkehr entlang der etwa 1126 Kilometer (700 Meilen) langen US-mexikanischen Grenze. Zudem ist Nogales für Arizona der primäre Importhafen bezüglich Umsatz und Volumen (vgl. NOGALES-SANTA CRUZ COUNTY ECONOMIC DEVELOPMENT FOUNDATION 2015).

Auch bei diesen beiden Grenzstädten werden die Unterschiede beiden Welten deutlich, da ebenso wie in Ciudad Juárez auch im mexikanischen Nogales eine deutliche Schwäche hinsichtlich einiger Aspekte, beispielsweise der Lebensbedingungen oder der Wirtschaft, besteht, gleichzeitig aber auch hier Entwicklungstendenzen in Richtung der USA zu beobachten sind. Zudem kann hier angenommen werden, dass auch das mexikanische Nogales ebenso wie Ciudad Juárez aus US-amerikanischer Sicht gänzlich einem Schwellenland zugeordnet wird, aus anderen Perspektiven aber verschiedene Übergänge überlegt werden.

Außerdem ist zu erwähnen, dass die Twin Cities Nogales, Arizona und Nogales, Sonora, wie auch die anderen Grenzstädte, wahrheitsgemäß weder zur US-amerikanischen noch zur mexikanischen Nation gehören. Sie liegen in der Zone, die als eine Art kulturelle Pufferzone für beide Länder dient, also den Borderlands. Auf diese Art kultivieren die Borderlands und somit auch die Städte ihre eigene Kultur und Traditionen. Damit sind diese sowohl eine Barriere als auch ein Filter, vor allem aber ein anregendes kulturelles Umfeld (vgl. GRIFFITH 1988).

Nogales, Sonora zeichnet sich, wie auch andere mexikanische Grenzstädte an der US-amerikanischen Grenze, vor allem durch den Medizintourismus, konkret den Dentaltourismus, und die dafür vor Ort ansässigen Zahnarztpraxen aus. Auch hier ist davon auszugehen, dass die Beschäftigten wie auch in Ciudad Juárez unter geringen Löhnen und mangelhaften Arbeitsbedingungen angestellt werden. Die Maquiladoras scheinen hier ebenso eine entscheidende Rolle für das Wachstum der Stadt zu spielen. Außerdem ist von besonderer Wichtigkeit, dass Nogales, Arizona ein gemeinsames Band mit Nogales, Mexiko teilt und die grenzüberschreitende Beziehung eine Schlüsselkomponente für die Wirtschaft beider Städte ist (vgl. PLANET NOGALES O. J.).

Wie zuvor beschrieben, finden in den Grenzstädten grenzüberschreitende Bewegungen statt. Dabei kommt es auch in Ambos Nogales zu Arbeitsmigrationsbewegungen von der mexikanischen Seite zur US-amerikanischen Seite, die zumeist illegal sind. Davon abgesehen spielen in Nogales, Sonora aber vor allem Bewegungen von der amerikanischen zur mexikanischen Seite der Grenze eine große Rolle. Dabei geht es um die finanziellen Motive der Amerikaner, etwa indem sie durch einen Arztbesuch auf mexikanischer Seite der Grenze oder Erwerben anderer Produkte im Vergleich zur USA Geld einsparen können. Auf der anderen Seite profitiert dabei auch der Gesundheitssektor Mexikos, da viele US-Amerikaner ihr Geld nach Mexiko bringen und sich die Einnahmen dort erhöhen (MARTIN 2020: 106).

Anders als die Sicherheitslage in Ciudad Juárez und auch im Vergleich mit anderen Grenzstädten an der US-amerikanischen und mexikanischen Grenze erscheint Nogales, Sonora nicht so gefährlich oder gewalttätig. Dennoch sind auch hier in den letzten Jahren die Kriminalitätsraten gestiegen. Nogales, Sonora hat dabei vor allem Gewalt, die vom Drogenhandel ausgeht, erfahren. Diese bezieht sich auf Konflikte und Konfrontationen zwischen Kartellen untereinander und Kartellen und dem Gesetzvollzug (ebd.).

Es ist zu erkennen, dass das Sicherheitsniveau und auch der Drogenhandel die Beziehung zwischen Mexiko und den USA prägen und somit auch die Situation an der Grenze beeinflussen. Ebenso wie bei den Grenzstädten Ciudad Juárez und El Paso lässt sich auch bei den Städten Nogales, Arizona und Nogales, Sonora der einerseits widersprüchliche andererseits aber auch verbindende Charakter feststellen. Bei der Betrachtung von Ambos Nogales geht dabei aber vermehrt der verbindende Charakter und die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Städte hervor.

 

Zusätzliche Informationen


Volle Quellenangaben:

 

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