Tohono O’odham

Die Tohono O’odham Nation gilt als die zweitgrößte föderal anerkannte und souveräne Reservation in den Vereinigten Staaten (vgl. NEUSTADT 2017: 578) und hat laut eigener Webseite ungefähr 28.000 eingeschriebene Mitglieder (vgl. TOHONO O’ODHAM NATION 2016), wovon gegenwärtig 2.500 bis 3.000 auf mexikanischer Seite sind (vgl. GENTRY et. al 2019: 69).

Die First Nations der Tohono O’odham leidet unter den Auswirkungen der Grenzziehung, da ihr Reservat geteilt wurde und sie sich deshalb nicht mehr frei in ihrem eigenen Gebiet bewegen können (vgl. LUNA-FIREBAUGH 2002: 159).

Geschichte

In den USA gibt es 537 föderal anerkannte amerikanische indigene Gruppen und alaskische First Nations, die den Status einer Nationalität besitzen und inhärente Selbstverwaltungsrechte haben (vgl. US DEPARTMENT OF THE INTERIOR, BIA 2020). Schon während der Kolonialzeit etablierte sich eine Segregationsmentalität gegenüber der Native Americans, die sich durch Reservationen weiter verstärkte (vgl. FRANTZ 1993: 27). Die tatsächliche Schaffung des Indigenen-Reservationssystems wurde jedoch erst 1851 mit dem Indian Appropriation Act durch den Kongress verabschiedet (vgl. ebd. 32).

Der General Allotment Act 1887, auch bekannt als der Dawes Act und Teil der von der USA bevorzugten Assimilierungspolitik, hatte verheerende Auswirkungen auf den Landbesitz der Ureinwohner, denn dieser schrumpfte in 50 Jahren um ungefähr 60% (vgl. FRANTZ 1993: 36 f). 1934 verabschiedete man den Indian Reorganization Act, der den in Reservaten lebenden Indigenen mehr Souveränität zusprach und den Dawes Act offiziell abschaffte (vgl. ebd. 39 zit. nach: PRUCHA 1975, 222 f). 1935 stimmten die Tohono O‘odham für die Annahme des Indian Reorganization Act und schafften zwei Jahre später ihre erste Stammesverfassung, womit alle Teilreservate in einer Stammesregierung zusammengefasst wurden (vgl. ebd.). Sie stimmten dem damals zu, um ihre Stammesautonomie und Unabhängigkeit zu wahren (vgl. MARAK, TUENNERMAN 2013: 13 zit. nach SILVERBLATT 2004: 150). In den 70er Jahren wurde den Indigenen endgültig mehr Autonomie und Selbstverwaltung in ihren Reservaten zugesprochen (vgl. ebd. 266).

Ursprüngliches Tohono O’odham Territorium und heutige Grenze, Quelle: Blanchfield (2018)

 

 

Die Grenze und ihre Auswirkungen

Der Gadsden-Kauf im Jahre 1853-1854 teilte das Tohono O’odham Territorium in zwei Teile. Seitdem verläuft eine internationale Grenze (siehe Grenze) durch ihr Reservat, aber weder Mexiko noch die USA gewährten ihnen zu Beginn die volle Staatsbürgerschaft (vgl. MARAK, TUENNERMAN 2013: 14).

Die Auswirkungen der Grenze verstärkten sich, als 2007 das O’odham Land physisch durch einen Grenzzaun, den amerikanischen Border Barrier, getrennt wurde (vgl. SCHERMERHORN 2019: 8 f.). In den letzten Jahren ist die US-amerikanisch-mexikanische Grenzgegend zunehmend militarisiert worden, was eine ansteigende Einschränkung der Lebensweise und die Möglichkeit des Grenzübertritts der Tohono O’odham darstellt. Der Grund dieser Aufrüstung und überhaupt der Konstruktion der Grenzbarriere, so das U.S Department of Homeland Security, ist der Schutz und Kampf gegen den Terrorismus und Drogen- und Menschenschmuggel (vgl. ELZE 2015: 56 zit. nach: NEVINS 2010: 5, NEUSTADT 2017: 579).

Die Mitglieder des Stammes müssen daher seit 2009 zum Überqueren der Grenze ein Ausweisdokument – eine sogenannte Tribal ID – beimUS-amerikanischen Grenzschutz vorlegen (TASKER 2019: 307F.). Hier nimmt der Staat Einfluss auf die Indigenen, indem er ein Ausweisdokument etabliert. Oft wird argumentiert, dass dies den Grenzübertritt für die Tohono O’odham erschwere, da einige Stammesmitglieder, speziell die mexikanischen, keine Tribal ID besitzen. Auch die Tohono, die auf amerikanischer Seite leben, können oft nicht auf die mexikanische Seite gelangen, da sie keine Ausweisdokumente vorlegen können, um wieder zurück in die USA einzureisen. Zum Beispiel besitzen sie keinen Pass, keine Tribal ID und keine Geburtsurkunde, wenn sie nicht in einem Krankenhaus geboren wurden (vgl. NEUSTADT 2017: 580).

In den Jahren vor 2016 war das San Miguel Gate die einzige Möglichkeit auf dem Gebiet der Reservation, die Grenze offiziell zu passieren (vgl. WILES 2019). Seit Ende 2016 kann man dort nur noch inoffiziell auf die andere Seite gelangen, weil die uneingeschränkte Durchquerung durch einen Privatgrundbesitzer verhindert wird. Vor allem mit dem Auto muss man deshalb eines der Tore außerhalb der Reservation aufsuchen (vgl. MARIZCO 2016).

Die Tohono O’odham berichten zudem von Rassismus und Diskriminierung beim Grenzübergang und dass es bereits unzählige von US-amerikanischen Grenzschutzbeamten inhaftierte oder ausgewiesene Tohono O’odham Indigene gegeben habe, obwohl sie sich nur – wie ursprünglich erlaubt – durch das traditionelle O’odham Gebiet fortbewegt hatten (vgl. TOHONO O’ODHAM NATION 2016).

Die Grenzziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hat erhebliche Auswirkungen auf das kulturelle, soziale und religiöse Erbe von indigenen Völkern in Arizona und stellt letzten Endes einen „assault on indigenous sovereignty“ (vgl. LUNA-FIREBAUGH 2002: 160) dar.

Einer der bedeutendsten Orte für die Tohono O’odham ist der Baboquivari Peak, ein 7730 Fuß hoher Berg am Rande der Reservation auf amerikanischer Seite gelegen (CBS NEWS 2018: 00:10:26 – 00:10:47). Durch die befestigte Grenze und die Vorschriften können auf mexikanischem Boden lebende Mitglieder diesen Ort jedoch kaum besuchen. Die Tohono O’odham sehen es zudem als ihre Aufgabe, das Land in der Sonora Wüste, zu pflegen und zu schützen (vgl. TASKER 2019: 306). Ihr Name bedeutet übersetzt Das Wüsten-Volk (vgl. CROSSWHITE 2020: 132), demnach verbinden sie ihre Identität mit dem Boden, auf dem sie leben (vgl. GRIFFITH 2011: 77). Die Natur und vor allem die Tiere spielen folglich eine sehr große Rolle im Leben der Tohono O’odham Nation (vgl. ERICKSON 2003: 7). Daher sind Maßnahmen wie die Errichtung eines Grenzzauns für sie ein Eingriff in ihr Heiligtum.

Die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit sorgt außerdem dafür, dass Indigene teilweise jahrelang ihre Familien nicht mehr sehen, da sie auf der anderen Seite der Grenze leben und nicht mehr an rituellen Festen oder Zeremonien teilnehmen können (vgl. ARRIETA 2003: 36, LUGER 2018). Das gemeinsame Singen ist ein großer Bestandteil ihrer Kultur (vgl. CBS NEWS 2018: 00:16:03 – 00:16:56), was sie nun nur noch mit den Mitgliedern auf der jeweiligen Seite ausüben können beziehungsweise mit denen, die über die Grenze dürfen. Dadurch kann ihr Verständnis als eine Gemeinschaft verletzt werden.

Ein eigentlich grenzenloser indigener Kulturraum, der schließlich nur noch über die Grenze definiert wird, hat sich zu einem politischen Konflikt entwickelt. Die Tohono O’odham – eine Nation deren Vorfahren seit Jahrtausenden den Southwest besiedeln und aufgrund der politischen und geografischen Aufladung der Grenze zwischen Mexiko und den USA nun zu “foreigners on their own land” (NEUSTADT 2017: 581) werden.

Videos zum Thema Tohono O’odham und Border Wall:


„At US-Mexico border, a tribal nation fights wall that would divide them“ (PBS News Hour)

„Tohono O’odham Tour“ (Arizona Public Media)

Quellenangaben:


Karte:

Blanchfield, Caitlin & Kolowratnik (2018): Assessing Surveillance: Infrastructures of Security in the Tohono O‘odham Nation. Archinect Features, 13.02.2018. Online verfügbar unter: https://archinect.com/features/article/150049769/assessing-surveillance-infrastructures-of-security-in-the-tohono-o-odham-nation.

Foto: Ausweisdokument

Foto: Tohono O’ddham Nation Seal

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