Miniforschung: Carolin de Schutter

Die Organisation der Motos in Ruanda

Motorradtaxis sind in Ruanda wie auch in einigen anderen Ländern Afrikas wie Uganda, Tansania oder Benin eines der wichtigsten Transportmittel. In Ruanda werden sie „taxi moto“ oder einfach nur „moto“ genannt und ausschließlich für den Transport von Menschen genutzt. Der Job der Motorradtaxisfahrer wird hauptsächlich von jungen Männern, im Alter von ca. 18-35 Jahren ausgeübt. Diese Taxis sind teurer als Busse, stellen dafür aber eine schnelle und beliebte Transportmöglichkeit dar, da sie rund um die Uhr operieren und ihre Kunden/innen von ihrem derzeitigen Ort zum Zielort bringen. Laut einer Studie sind die Registrierungen in diesem Sektor von 2012 bis 2015 um 250% gestiegen. In Ruanda besteht eine Helmpflicht, sodass die Fahrer/innen neben ihren eigenen, auch immer einen zusätzlichen Helm für ihre Mitfahrer/innen bei sich tragen (Rollason, 2017: 1281), der jedoch häufig sehr locker sitzt, wodurch die Schutzfunktion vermindert wird. Um als Motofahrer arbeiten zu können, müssen Interessierte Kooperativen beitreten. Unter einer Kooperative versteht man eine „autonome Vereinigung von Personen, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um ihre gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Bestrebungen durch ein gemeinsam geführtes und demokratisch kontrolliertes Unternehmen“ zu verwirklichen. Dementsprechend sind Kooperativen in Ruanda sehr beliebt, da sie Zugang zu einkommensgenerierenden Aktivitäten schaffen und aus Regierungssicht einen Beitrag zur Rwandan Vision 2020 leisten können (Harvey, 2019).

Um als Motorradtaxifahrer/in einer Kooperative beitreten zu können, ist es laut Silvester, dem Chef einer Kooperative in Rutsiro notwendig, einen Führerschein zu besitzen, vertrauenswürdig zu sein, sowie einen Eintrittsbeitrag an die Kooperative von 10.000 Rwandan Franc zu bezahlen. Des Weiteren zahlt jedes Mitglied einen monatlichen Beitrag, der je nach Kooperative variieren kann.

Motofahrer in Gisenyi, Ruanda.

Bei der Kooperative von Silvester in Rutsiro beträgt dieser 10.000 Franc, während er bei einer anderen in Kigali bei 5.000 Franc liegt. Durch diese Mitgliedsbeiträge kann den Fahrern eine finanzielle und soziale Absicherung gewährleistet werden. Beispielsweise werden von den monatlichen 10.000 Franc, 3.000 Franc eines jeden Mitglieds auf dem gemeinschaftlichen Konto der Kooperative angelegt. Dieses Geld kann anschließend etwa für einen Krankheitsfall oder den Kauf eines neuen Motorrads eines Mitglieds verwendet werden. Da die Höhe des ausgezahlten Betrages an von der Größe der Kooperative abhängig ist, werden solche mit einer hohen Mitgliederzahl bevorzugt. Die Kooperative, welche Silvester in Rutsiro leitet, umfasst rund 80 Mitglieder. Die Anzahl der Kooperativen in einem Distrikt ist von der Bevölkerungszahl sowie der Anzahl der Motofahrer/innen abhängig und kann somit in jeder Stadt variieren.

In Kigali steht auf den Helmen der Fahrer/innen, die nach meinen Beobachtungen zumeist rot oder grün angemalt sind, oftmals die Nummer der jeweiligen Kooperative. In Gisenyi hingegen variieren die Farben der Helme und es ist keine Nummer auf diesen vermerkt. Einige der Motorradfahrer in Kigali und Gisenyi tragen rote Westen. Dies hat den Hintergrund, dass der Großteil der Kooperativen von dem Telefonkonzern Airtel finanziell unterstützt wird und somit Westen in der Farbe des Telefonkonzerns sowie deren Nummer und Werbeslogan vergeben werden. Daneben ist jedoch auch der Name des jeweiligen Distriktes, in dem die Fahrer arbeiten sichtbar.

Da die Motos zumeist keine km Anzeige haben, wird der Preis normalerweise vor Fahrtantritt ausgehandelt. In einigen Städten bestehen für bestimmte Fahrten feste Preise, ansonsten ist dieser von der ungefähren Kilometeranzahl abhängig. Beispielsweise kostet eine Fahrt innerhalb von Gisenyi immer 300 Franc. Weiß ein/e Tourist/in dies allerding nicht, muss diese/r manchmal mehr bezahlen. Außerdem können die Fahrer/innen auch einen Preisnachlass geben, wenn sie beispielsweise kranke Personen transportieren.

Nachdem die Fahrer/innen ihre Kunden/innen an den Zielort gebracht haben, kehren sie wieder an ihre „Stage“ zurück. Die „Stage“ ist ein bestimmter Standpunkt in einem Distrikt, an welchem die Motofahrer/innen auf ihre/n nächsten Kundinnen/en warten. Jede Kooperative hat je nach Anzahl der Motofahrer/innen mehrere „Stages“ in einem Distrikt. Durch ihre Rückfahrt an ihre jeweilige Stage erklärt sich auch der Aufpreis, der in der Nacht bezahlt wird. Tagsüber können die Fahrer/innen auf der Rückfahrt zu ihrer Stage zumeist noch eine/n Kundin/en mitnehmen, während nachts nur noch wenige Menschen unterwegs sind und sich somit die Wahrscheinlichkeit verringert ihre Fahrtkosten zu ihrer Stage zu kompensieren.

An jeder Stage, stehen ca. 2 bis 15 Motofahrer/innen, die darauf warten Kunden/innen zu transportieren. Somit stellt sich die Frage, ob eine hohe Konkurrenz zwischen den Motofahrern besteht. Silvester erklärte, dass dies nicht so sei, da die persönlichen Kompetenzen der Fahrer/innen wie Zuverlässigkeit oder Ehrlichkeit, im Vordergrund stehen und somit für die Anzahl der Kunden/innen ausschlaggebend sind. Denn Kunden/innen nehmen sich nicht auf der Straße ein Moto, sondern rufen entweder die Kooperative oder direkt den/die Fahrer/in ihres Vertrauens an, um sie an ihrem derzeitigen Standort abzuholen. Des Weiteren konnte ich an der Stage zur kongolesischen Grenze beobachten, dass sich die Motos in einer Reihe aufstellen und nach dieser Reihenfolge die nächsten Fahrten wahrnehmen. Außerdem unterstützen sich die Fahrer/innen auch gegenseitig, wenn sie zum Beispiel nicht genügend Wechselgeld haben oder rufen andere Motos hinzu, wenn es mehrere Kunden/innen gibt.

Diese Tatsachen spiegeln das Ziel einer Kooperative, solidarisch miteinander zu arbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen wieder und zeigen, wie wichtig dies ist, um zu einem sicheren Lebensumfeld beizutragen.

 

Literaturverzeichnis

Rollason W. (2017): Youth, presence and agency: the case of Kigali´s motari. In: Journal of Youth Studies 20(10): S. 1277-1294, URL: 10.1080/13676261.2017.1324134.

Harvey R. (2019): Coopeartives in Rwanda: an overview. URL: https://www.thenews.coop/143127/sector/credit-unions/cooperatives-in-rwanda-an-overview/. (zuletzt abgerufen am 04.03.20).